Abschied nehmen

Heute früh hat für den Teufel ein ganz besonderes Wochenende begonnen.

Ein Wochenende, an dem ich versuchen werde, die Fehler der Vergangenheit nicht noch einmal zu wiederholen und für einen guten Freund da zu sein. Da zu sein, bevor der Zeitpunkt kommt, an dem dafür keine Zeit mehr sein wird. Der Zeitpunkt, an dem sich Wege für immer trennen.

Die Rede ist von meinem tierischen Kumpel. Meine Eltern habe ich für ein verlängertes Wochenende an die See geschickt und ich habe mein Reich nach langer Zeit für mich ganz alleine. Und natürlich für meine Fellnase.

Ich habe es beim Tod meiner Großmutter nicht geschafft mich rechtzeitig zu verabschieden. Eine Tatsache, mit der ich auch heute, knapp drei Jahre nach ihrem Tod, immer noch hadere und mit der ich immer noch nicht abschließen kann. Ich mache mir Vorwürfe, sehe mich als Versager und lasse das Argument meiner damals schon sehr ausgeprägten Krankheit einfach nicht gelten. Ich war zu spät, ich habe versagt und ich habe sie alleine gelassen. Punkt.

Dieser Zeitpunkt des Gehens wird auch für meinen kleinen Freund bald kommen und ich habe Angst davor, dass es während meines Urlaubs passieren wird, wenn ich keine Chance habe rechtzeitig zu Hause zu sein. Deswegen dieses Wochenende.

Ich habe dies gemeinsam mit meinem Therapeuten herausgearbeitet und er befürwortete diesen Wunsch von mir ausdrücklich. Vielleicht kann ich so wenigstens fühlen, dass er mit seinem Gehen an einem wundervollen Ort sein wird und ich ausreichend Gelegenheit hatte ihm noch einmal meine ganze Aufmerksamkeit, meine ganze Liebe für ihn zu schenken. Einfach noch einmal nur für ihn da zu sein.

Es ist ein harter Kampf für mich den alten Mann zu beobachten, wie er tapsig und beinahe blind seinen Weg sucht. Wie seine Gassi-Runde nur noch zu einem kurzen Ausflug wird, weil seine Kräfte allmählich schwinden. Früher musste der Wirbelwind immer auf mich warten oder hat mich manches Mal ordentlich an der Nase herum geführt. Heute bin ich es, der geduldig auf ihn wartet, während er nach wie vor neugierig aber sichtlich unsicher die Gegend erkundet und sich vor beinahe jedem Blatt erschrickt, das seine Nase berührt. Seine Schritte gleichen heute mehr dem zittrigen Gang eines alten Greises und man kann dieses Zittern sogar durch die Leine hindurch spüren.

Man möchte ihm sagen “Hab keine Angst, ich bin immer hier und beschütze dich” aber wie erklärt man das einem Hund?

Dennoch spürt er es und er zeigt es mit nie da gewesener Nähe und Zuneigung. Fast möchte man meinen er spürt wie besonders diese Tage für uns beide sind und das es vielleicht das letzte Mal ist, dass wir diese Gelegenheit haben werden.

Ich bin sogar kurzerhand zu meinen Eltern umgezogen um ihm seine gewohnte Umgebung zu lassen und ihm jeglichen unnötigen Stress zu ersparen. Im Moment gibt es Phasen der absoluten Ruhe und im nächsten Augenblick ist er nur noch vollkommen nervös in der Wohnung unterwegs und ist durch nichts mehr zu beruhigen. Auch erweckt er immer wieder einmal den Eindruck, dass er für einen Moment die Orientierung zu verlieren scheint. Alles in allem keine wirklich guten Zeichen.

Ich jedenfalls werde diese Stunden der Nähe nutzen um “Tschüss” zu sagen. Auf meine ganz eigene Weise und immer mit dem Gedanken, wie viele schöne Momente er uns allen geschenkt hat.

Vielleicht fällt es mir am Ende leichter, seinen Tod zu akzeptieren und nicht direkt ins nächste Loch zu fallen.

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